Odin der Medien

Odin, eine bekannte Gestalt aus der nordischen Mythologie, hat auf seiner beharrlichen Suche nach Weisheit ein grosses Opfer erbracht: er verzichtete freiwillig auf eines seiner Augen, um im Gegenzug seherische Kräfte zu erlangen.

Ist es Zufall oder nicht, dass mir diese Anekdote in den Sinn kommt, wenn ich im Blick von heute den sonntäglichen Dialog zwischen Marc Walder und Frank A. Meyer lese? Digital, wohlverstanden, nicht im Vergangenheitsrelikt ‚gedruckte Zeitung‘.

Da lässt sich die graue Eminenz des Hauses Ringier indirekt wieder einmal über den Strukturwandel in der Medienlandschaft aus – oder eben das Ausbleiben desselben! FAM beruft sich insbesondere auf einen Spiegel-Artikel „Null Blog“, den zu lesen er empfiehlt. Weshalb der lesenswerte Artikel nicht verlinkt ist, entzieht sich meiner Kenntnis, entspricht aber leider bekannten Ringier Gepflogenheiten (liebe Ringier Leute, Verlinken ist nicht des Teufels! Im Gegenteil!). Hier geht’s übrigens zum Spiegel-Artikel.

Besagter Artikel beruft sich auf Studien, die belegen sollen, dass junge Menschen sich nicht nur noch in der virtuellen Welt bewegen, sondern im Gegenteil reale Begegnungen vorziehen. Es gibt ja Studien zu allem und jedem. Und die Schlussfolgerung kann auch beliebig ‚geformt‘ werden. Dass man aber ein Studienresultat heranziehen muss, um zu einem derartigen Schluss zu kommen, lässt den Verdacht aufkommen, dass das Wesen und der Sinn des Internets bzw. allgemein der digitalisierten Welt nicht ganz verstanden worden ist.

Es ist, als ob FAM seiner Erleichterung Luft verschaffen will: schaut her, es bleibt alles beim alten. iPad, iPhone – alles bloss Spielzeuge. Nicht einmal die Jungen wissen das Netz richtig zu nutzen. Die ‚digital natives‘ gibt es gar nicht. Und dann wird zum verbalen Rundumschlag ausgeholt. Der Einwand des Fragers Marc Walder, dass Printmedien und insbesondere Tageszeitungen weiter an Bedeutung verlieren, wird rundum bestritten. Punkt.

Ob es die ‚digital natives‘ nun gibt oder nicht, sei dahingestellt. Ich halte es eh lieber mit dem deutschen Psychologen Peter Kruse, welcher eine Unterscheidung in ‚digital residents‘ und ‚digital visitors‘ vornimmt, also solche, die sich im digitalen Umfeld zu hause fühlen und solche, die die Möglichkeiten zwar nutzen, sich aber nicht selber aktiv beteiligen. Dass diese Unterscheidung vollkommen alters- und geschlechtsunabhängig ist, versteht sich von selbst. Dass die Gruppe der ‚digital residents‘ ständig wächst ebenso. Und dass die ‚digital vistors‘ sich vermehrt auf neue Medien zur Informationsbeschaffung verlassen, dürfte die insbesondere in der westlichen Welt markant sinkenden Auflagen- und Leserzahlen der Printmedien miterklären.

Wie man im Jahr 2010 das Internet immer noch als marginale Zeiterscheinung mit vermutlich beschränkter Halbwertszeit ab qualifizieren kann, ist mir schlicht schleierhaft. Noch unverständlicher ist der Standpunkt, Tageszeitungen würden überhaupt nicht an Bedeutung verlieren.

Wie sagt man doch so schön: es gibt nichts älteres, als die Zeitung von gestern. Im Zeitalter der elektronischen Medien und ganz besonders seit dem Durchbruch des Internets ist jede Zeitung ihres Inhaltes wegen per se eine Zeitung von gestern. Null Aktualität. Bloss Hintergrundberichte können noch von Interesse sein. Aber dafür braucht es keine Tageszeitung.

Dass Auflagen und Leserzahlen von Tageszeitungen seit Jahren sinken, ist nun mal Fakt. Man kann es drehen und wenden, wie man will. Auch die Einführung neuer ‚kreativer‘ Ansätze für die Erhebung dieser Zahlen, wie kürzlich berichtet wurde, ist nichts weiter als Kosmetik. Vorübergehende Kosmetik. Die Realität sieht so aus:

Quelle: ag.ma/BDZV/ZMG

Quelle: IVW

Das Beispiel Deutschland steht stellvertretend für alle westlichen Märkte.

Und da sich FAM gerne auf Studien beruft, hier auch von uns ein Studienresultat: Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Edison Research zeigt auf, dass das Internet das Fernsehen als wichtigstes Medium abgelöst hat. Auf die Frage, auf welches der beiden Medien die amerikanischen Konsumenten eher verzichten würden, wenn sie vor die Wahl gestellt würden, antwortete erstmals eine Mehrheit, auf das Fernsehen verzichten zu wollen. 2001 entschieden sich noch 72% gegen das Internet und nur 26% gegen das Fernsehen. In Europa wird es wohl nicht grundlegend anders aussehen.

Wie das Resultat aussehen würde, wenn man statt des Fernsehens die Tageszeitung nebst dem Internet zur Auswahl gehabt hätte, überlasse ich der Phantasie des Lesers.

Zum Schluss ein Ratschlag an den werten Herrn Meyer. Machen Sie es wie Odin! Da Ihre Sichtweise recht getrübt erscheint, könnten Sie getrost ein Auge gegen seherische Kräfte eintauschen. Wer weiss, vielleicht können Sie mich schon bald endgültig eines Besseren belehren.

PS: hat nicht kürzlich die neuen Blick App wie eine Bombe eingeschlagen? Ich will ja nicht wissen, wie viele neue Blick Abos in derselben Zeit über den Tresen gegangen sind…

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