Nehmet und lernet

Im Mai lancierte die britische Tageszeitung «The Guardian» die «Open Platform»; sie ermöglicht es, dass Apps und Services auf den Content des Guardian zugreifen können. Drei Modelle legen jedoch genau fest, was wie übernommen werden darf, das Topmodell ohne Werbung und Einschränkungen ist beispielsweise kostenpflichtig.

An diese offene Online-Strategie anknüpfend, kam anfangs Juli zur offenen API ein Plug-in für das populäre WordPress-CMS hinzu. Einmal mehr unterstreicht der Guardian damit seine führende Rolle als Online-Innovator unter den Medienhäusern. Offensichtlich hat hier jemand die Zeichen der Zeit erkannt: Das Kapital der Online-Publisher ist menschlich. Das heisst, der Guardian baut auf seine Mitarbeitern und seine aktive Leserschaft. Obgleich der finanzielle Aspekt mit dem angedachten Bezahlmodell für Publisher nicht ausser Acht gelassen wird. Der Leser und seine aktive Partizipation ist davon aber nicht betroffen.

Im Gegensatz zum Guardian glaubt beispielsweise «The Times», ein anderer medialer Gemischtwarenladen, dass ihr Produkt die fertige Zeitung beziehungsweise der fertige Artikel ist. Dass ein Artikel, den niemand liest, nicht viel wert ist, sieht «The Times» offenbar anders, obwohl diese alte Regel bereits beim Buchdruck oder in der Malerei galt. Wir erinnern uns an Jeanne Herschs Roman «Temps alternés», der erst in seiner 2. Auflage Bekannheit erlang, an Van Goghs, Basquiats oder auch an 2Pacs posthume Verbreitung und Wertsteigerung.

Hinsichtlich des WordPress-Plugins des Guardian bleibt die Frage, wer denn überhaupt ganze Guardian-Artikel in seinen Blog übernehmen möchte, zumal die zum Text gehörende Werbung übernommen werden muss. Würde die ganze Vermarktung inklusive der Werbung in den Guardian Artikeln beim Blogger verbleiben, so würde das die Übernahme um einiges attraktiver machen.

Auf jeden Fall bedeutet auch das WordPress-Plugin des Guardian einen Schritt in die richtige Richtung. Sollte es nicht tausendfach eingesetzt werden, so lassen sich weitere Ideen und Lösungen für kleine aber auch grosse Publishers ableiten.

Das Plugin könnte sich beispielsweise als bequemes Tool für PR- und Marketing-Agenturen oder themespezifische Website erweisen. Clippings müsste nicht mehr handisch gemacht werden, sondern könnten automatisch eingebunden werden. Websites mit einem Spezialthema könnten plötzlich dynamischer daherkommen, ohne riesigen redaktionellen Aufwand, etc. Die Zeit wird es zeigen.

Trotz des Verbesserungspotenzials, lässt die offene Strategie hoffen, dass auch bei einst klassischen Medienhäusern noch nicht Hopfen und Malz verloren ist.

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