Ich, der Senior

Kürzlich las ich im KleinReport eine Pressemitteilung zum Re-Launch des Portals seniorweb.ch. Die Idee, das Netz älteren Menschen näher zu bringen, finde ich lobenswert. Nein, sehr lobenswert. Das Ganze kommt zwar extrem Web-1.0-mässig daher, aber es sind nun mal nicht alle älteren Menschen so Web-affin und zeitgemäss, wie beispielsweise mein 82-jähriger Vater.

Trotzdem, die Affiche hat mich doch etwas irritiert. Die meinen also auch mich. Entschuldigung, liebe seniorweb.ch-Macher, aber ich bin kein Senior. Noch nicht. Noch lange nicht.

Das bringt mich aber zu einem ganz anderen angeblich altersrelevantem Thema: die Werbung. Vor rund 25 Jahren hat ein gewisser Helmut Thoma für seinen kürzlich geborenen Sender RTL den Begriff der „werberelevanten Zielgruppe“ erfunden. Was er damit bezweckte, war seinen Sender gegenüber den grossen staatlichen Sendern zu differenzieren und für die Werbewirtschaft interessant zu machen. Da die Staatssender tendenziell ein eher älteres Publikum hatten (und bis heute haben), war die RTL-Zielgruppe schnell gefunden: 14 bis 49-jährige.

Was aus Sicht von RTL und Helmut Thoma damals sicher sehr viel Sinn machte, wurde von der Werbewirtschaft als neues Dogma verinnerlicht. Diese „werberelevante Zielgruppe“ als Mass aller Dinge in der Mediaplanung einzusetzen, ist vollkommen absurd. Besonders in der heutigen Zeit.

Schlagwörter wie „Downageing“ oder „50 ist das neue 30“ drücken eigentlich sehr anschaulich aus, in welche Richtung sich der gesellschaftliche Wandel in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Ich sage das nicht, um mich jünger zu machen. Ich sage es, weil ich nicht verstehen kann, dass unsere Werbewirtschaft, die ja angeblich immer die neusten Trends kennt, derartige Fakten schlichtweg ignoriert. Ganz abgesehen von der Kaufkraft, die bei über 50-jährigen wohl doch etwas substanzieller sein dürfte, als bei den „werberelevanten“ Teenagern.

Schreibe einen Kommentar