Der umarmte Steve

Das Zitat des Tages stammt vom Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner: „Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet.“ Es kommt mir vor, als würde Apple schon fast zur neuen Freikirche hoch stilisiert. Tut Busse und verneigt Euch vor dem digitalen Heilbringer.

Damit wir uns richtig verstehen: ich bin ein absoluter Apple-Fan und nutze ausschliesslich Produkte dieser Marke. Eine schlüssige Meinung zum iPad habe ich mir zwar noch nicht gemacht – machen können. Dazu müsste ich zuerst einmal mit so einem Ding rumspielen. Für den Moment bleibt der Eindruck, dass mir das iPad weder mein MacBook, noch mein iPhone ersetzen kann. Die zwei Geräte decken meine Bedürfnisse allerdings sehr gut ab. Ganz was anderes wäre es natürlich, wenn man das iPad z.B. wie eine Folie zusammenrollen oder -falten und in die Westentasche stecken könnte. Aber was soll’s, es geht hier gar nicht wirklich um das iPad.

Vielmehr bin ich einmal mehr erstaunt ob der Euphorie, die in den klassischen Verlagshäusern mit der Ankunft dieses neuen Geräts ausgebrochen ist. Und das nicht des Gerätes wegen, sondern der eigenen Zukunft wegen.

Das iPad sei das Gerät, auf das alle in der Branche gewartet hätten. Es sei „einfach cool“, darauf journalistische Inhalte zu lesen. Er sehe keinen Grund, warum ein traditioneller Zeitungsleser nicht auf ein iPad wechseln sollte. So hat sich Döpfner in einer amerikanischen Talkshow geäussert, nachzulesen bei kress.de.

Doch genau da liegt meiner Ansicht nach der Hase im Pfeffer. Es geht nicht einfach um neue Technologien, um die fortschreitende Digitalisierung, welche 1:1 adaptiert werden kann. Es geht vielmehr um einen tief greifenden gesellschaftlichen Wandel, der sich besonders akzentuiert in der Mediennutzung bemerkbar macht.

Die Vorstellung, traditionelle Zeitungsinhalte künftig einfach mittels App auf neue digitale Vertriebskanäle zu bringen, greift zu kurz. „Markets are conversations“ ist eine der Thesen des 1999 veröffentlichten Cluetrain Manifestos. Eine Dekade später ist diese These zur Gewissheit geworden. Auch Verlage bewegen sich im Markt. Wenn sie aber ihre Produkte einfach mittels geeigneter App digitalisieren und sich dabei auch noch erhoffen, dass der Konsument ein neues digitales Abo löst, haben sie die Essenz dieser These schlicht und einfach nicht verstanden. Conversation = Social Media!

Die Reise geht woanders hin. Und der Zug ist abgefahren. Mark Andreessen hat es treffend auf den Punkt gebracht: burn the boats! Noch besteht ein winziges ‚window of opportunity‘, um aufzuspringen. Aber nicht mehr lange. Gar nicht mehr lange.

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