Der Schrotthändler

Es ist fast nicht zu glauben, aber er hat es wieder getan. Michael Ringier, graue Eminenz unter den Schweizer Verlegern, durfte anlässlich der VDZ-Zeitschriftentage in Berlin im Kreise der Blinden den Einäugigen spielen. Kernige Aussagen, wie „Ich gehöre einer Generation an, für die Multitasking bedeutet, auf dem Klo zu sitzen und eine Zeitung zu lesen“, führten zu Schenkelklopfern und Michael Ringier muss sich wie ein König gefühlt haben.

Bild: Benn Capon

Beflügelt von so viel Zuspruch liess er sich einmal mehr zu seiner äusserst differenzierten „Internet=Schrott“ Analogie hinreissen. „Wir brauchen Edelmetall, den Schrott gibt es im Internet“. Woher Michael Ringier diese Einschätzung nimmt, ist uns schleierhaft. Oder verstehen wir die Bedeutung von Edelmetall bzw. Schrott bloss falsch? Wir wollen das anhand von drei Beispielen aus dem Hause Ringier und drei willkürlich ausgewählten Internet Portalen illustrieren.

Edelmetall: Blick, Schweizer Illustrierte, Glückspost.

Schrott: The Huffington Post, CARTA, Techcrunch.

Der Nachteil dieses Vergleichs ist natürlich der, dass man die ‚Edelmetall‘ Vertreter hier bloss auf dem Schrottplatz Internet betrachten kann. Seien Sie versichert, dass die gedruckten Ausgaben dieser meinungsbildenden, gesellschaftlich relevanten Erzeugnisse höchster Journalistenkunst um ein Vielfaches besser sind. Ein Artikel kann schliesslich nur gut sein, wenn er auf Papier gedruckt ist. Da spielt es überhaupt keine Rolle, dass derselbe Artikel auch im Internet erscheint.

Dass der deutsche Verlegerpräsident Hubert Burda auf derselben Veranstaltung seiner unsäglichen Forderung nach einem Leistungsschutzrecht für Verlage Nachdruck verleihte, mutet irgendwie schon fast komödiantisch an. Vielleicht sollte man den Anlass in VDZ-Comedy-Tage umbenennen.

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