Der Irrsinn meldet sich zu Wort.

Gestatten, mein Name ist Irrsinn. Ich muss mich hier zu Wort melden, denn mein Name wurde von Martin Wagner, dem neuen Verwaltungsratspräsidenten der Basler Zeitung Medien, in falschem Kontext verwendet. Folgendes nämlich sagte Martin Wagner während eines Interviews mit der Werbewoche:

„Wenn ich aber den Print kille, dann habe ich auch nichts mehr im Internet. Es ist ein Irrsinn, dass das niemand versteht!“

Es ist natürlich kein Irrsinn, dass das angeblich niemand versteht. Der Irrsinn ist vielmehr die Aussage davor: ohne Print kein Inhalt im Internet. Pardon, wir reden natürlich nur von Qualitätsjournalismus.

Besagtes Interview enthält eine Fülle weiterer Aussagen, die das Prädikat „Irrsinn“ mehr als verdienen. Ich musste mir die Augen mehrmals reiben, weil ich nicht glauben konnte, was ich da soeben gelesen hatte. Nachfolgend also ein paar weitere Bespiele.

„Es ist alles eine Frage der Qualität. Die Bedrohung der Tageszeitung ist gleichzeitig eine Bedrohung des Journalismus.“

Ich frage mich immer wieder, woher diese völlig fehlgeleitete Überzeugung stammt, Qualität könne nur auf Papier stehen, während online sich höchstens auf das ‚copy paste‘ von Agenturmeldungen beschränkt. Eine doch recht eigenwillige These, Journalismus mit Tageszeitungen gleichzusetzen.

„Ich werde Aufklärungsarbeit leisten und den Leuten Folgendes sagen: Wenn ihr denkt, dass das Internet die Tageszeitung ersetzt, dann liegt ihr falsch. Warum? Die meisten guten Berichte im Internet kommen aus dem Print. Der Printbereich finanziert die Qualität im Internet. Wenn der Printbereich stirbt, dann wird nicht 1:1 die gleiche Qualität im Internet da sein. Das heisst, wir gefährden damit unsere demokratischen Strukturen.“

Ich denke mal, dass das Publikum für solche „Aufklärungsarbeit“ immer kleiner wird – im Gleichschritt mit den Leserzahlen von z.B. der Basler Zeitung. Es ist aber schon starker Tobak, unsere demokratischen Strukturen vom Überleben der Tageszeitung abhängig zu machen. Ich nehme aber an, dass solches Demokratieverständnis in Staatsrechtsvorlesungen (noch) nicht doziert wird.

So, und jetzt kommt der Staat ins Spiel.

„Was wir brauchen, sind staatliche Förderungsmassnahmen für die Tageszeitung und den Journalismus.“

„Der Staat subventioniert den elektronischen Medienbereich stark, nicht jedoch den Printbereich. Dies ist eine Ungleichbehandlung. Dagegen werde ich antreten. Die Fehlüberlegungen der Schweizer Politiker ist ihr Glaube, dass das Modell Tageszeitung erledigt ist und alles übers Internet kommt. Sie realisieren nicht, dass übers Internet kein Qualitätsjournalismus finanzierbar ist. Überhaupt kein Journalismus! Sondern nur das Abschreiben von Meldungen.“

„Ich verstehe das nicht und verlange ganz klar von den Politikern, dass die Berufslaufbahn der Journalisten subventioniert wird, ich will Stipendien für jeden werdenden Journalisten, man soll Studentenradios finanzieren und Studentenzeitungen subventionieren.“

Also in der Regel halte ich von unseren Politikern auch nicht all zu viel, jedenfalls nicht, wenn es darum geht, Trends zu erkennen und Zäsuren im gesellschaftlichen Bereich aufzunehmen und zu begleiten. Wenn unsere Politiker aber tatsächlich glauben, dass das Modell Tageszeitung ein Auslaufmodell ist, dann ziehe ich für einmal meinen Hut.

Kein Verständnis kann ich aber für die Vorschläge von Martin Wagner aufbringen. Staatliche Förderung, Subventionierung, Stipendien für alle….wollen wir ein Bundesamt für Journalismus? Wollen wir staatlich unterstützte und kontrollierte Medien im Stile der ehemaligen Ostblockstaaten? Eine Schweizer Prawda? Natürlich denke ich nicht wirklich, dass dies der Ansatz von Martin Wagner ist. Aber warum sollen alle angehenden Journalisten Stipendien erhalten, nicht aber z.B. alle angehenden Juristen? Tragen diese nicht auch wesentlich zum Erhalt unserer demokratischen Strukturen bei? Wie ganz viele andere Studienrichtungen dasselbe für sich in Anspruch nehmen könnten.

Geradezu absurd mutet die Behauptung an, im Internet sei kein Journalismus finanzierbar.

„Natürlich kann ich gewisse Erträge generieren, aber ich kann nie qualitativ guten Journalismus, der halt etwas kostet, übers Internet finanzieren. Dieses Business-Modell gibt es nicht und wird es nicht geben.“

So, jetzt wissen wir es. Dann schauen wir uns doch mal ein paar Facts an. Und die stammen nicht von uns, die sind uns in lobenswerter Manier von Printhäusern präsentiert worden. Fangen wir an mit der Entwicklung der Leserzahlen von Printtitlen. Kurt W. Zimmermanns Kolumne in der letzten Ausgabe der Weltwoche (Nr. 10, 11. März 2010) portiert folgende Zahlen: Und jetzt sehen wir uns ein paar Slides aus der tamedia-Unternehmenspräsentation vom Dezember 2009 an. Fällt Ihnen dasselbe auf, wie uns? Nicht nur, dass sich die Leserzahlen diametral entgegengesetzt entwickeln. Die Tendenz i.S. Werbeeinnahmen verheisst eine Wende und offenbart Potenzial. Sehr viel Potenzial. Der Quantensprung ist um die Ecke.

Lieber Herr Wagner, Ihre Zeitung lebt in erster Linie von den Werbeeinnahmen und nicht von zahlenden Lesern. Doch diese Werbeeinnahmen wandern ab. Mit den Lesern halt. Schneller und schneller. Und wo wandern sie wohl hin?

Journalismus findet im Netz statt. Schon heute. Und morgen noch mehr. Und finanzierbar ist er auch. Im Gegensatz zu Ihren Printtiteln benötigen wir weder aufwändige Druckereien, noch sonstige ‚Old Economy‘-Infrastrukturen. Journalismus 2.0 ist ‚lean‘ – und gut. Die neue Qualität eben. Substance over form.

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