Bald läuft Social TV

In der Schweiz hat 2010 das Fernsehen laufen gelernt. Mit Hilfe von Smartphones, Tablets, Notebooks, Flatrates und Anbietern wie Teleboy, Zattoo, Wilmaa, Blick TV oder TV Screen by 20min hat schliesslich auch die «Late Majority», oder um es in Schweizerdeutsch zu sagen – «dini Muetter», Abschied genommen vom Trio Stube-Sofa-TV.

Man kann heute fernsehen, wo immer man sich gerade befindet und was immer man gerade macht. Die Zukunft des Fernsehens wäre damit gerettet und der zunehmende Trend, den freien Abend lieber aktiv vor dem Computer zu verbringen als passiv vor der Glotze, ist vorerst gebremst. So scheint es zumindest. Denn der Mensch ist nicht erst seit dem letzten Update des Betriebssystems multitaskingfähig. Er war schon immer dazu verdammt zu kommunizieren.

«Du kannst nicht nicht kommunizieren.»

Um die Zuschauer wieder vermehrt an die Sendeformate zu binden, müssen auch die neuen Kommunikationsformen der Zuschauer ernst genommen werden.

Denn seit Längerem sind zum Brief, zu E-Mail, zum Telefon, zum Handy und zu Online-Foren auch Twitter, Facebook, Foursquare und andere Social Networks für Special Interests dazugekommen, mit Hilfe derer der Mensch sein Mitteilungsbedürfnis stillen kann.

Bereits heute sind die Twitter-Timelines voll von Tweets zu grossen Fernsehsendungen. Kürzlich schaffte es «Schlag den Raab» sogar in die weltweiten Trending-Topics.

Das Beispiel, dass es #sdr (Hashtag für Schlag den Raab) in die weltweiten Trending Topics bei Twitter geschafft hat, verdeutlicht das Bedürfnis, Kommentare zu solchen Sendungen abzugehen. Wer nun meint, da werde sowieso nur Quatsch kommentiert, dem sei gesagt, dass meine Erfahrung die ist, dass die Timelines zu Sendungen in punkto Gehalt meistens umgekehrt proportional zum Gehalt der Sendung waren. Sprich Gehalt und Unterhaltungswert einer Sendung können durch Kommentare von aktiv Zuschauenden enorm gesteigert werden.

Noch ist die Anzahl Twitter-Accounts in der Schweiz eher gering. Die Zunahme an deutschsprachigen Twitter-Acconts ist jedoch gemäss der Zahlen von webevangelisten.de beachtlich: von Oktober 2009 bis Oktober 2010 ist das deutschsprachige Twitterversum um 89% gewachsen.
So haben inzwischen auch gar nicht webevangelikale Printprodukte wie die NZZ am Sonntag begriffen, dass Twitter eine hehrere Daseinsberechtigung hat, als ein Kinderlatz im täglichen Einsatz.

Im Fernsehversum, um bei der Twitter gefärbten Sprache zu bleiben, geht es nun darum, den neuen Geräten und dem veränderten Kommunikationsverhalten der Nutzer gerecht zu werden. Verschiedenes wird von unterschiedlichen Seiten zur Zeit angedacht.

U.a. wird überlegt, wie durch eine Kombination von 90er-Chats, Twitter, Digital-TV und Host ein relevanter Mehrwert für den Sender sowie den IPTV-Anbieter entstehen kann.

Sind es z.B. spezielle Twitter-Räume, die den einzelnen Sendungen angefügt und bei Bedarf vom Benutzer aktiviert werden können? Damit würde die eigene Timeline geschont. Sind es eigene Lösungen, fernab von Twitter, Facebook und Co.? Die Möglichkeiten sind gross. Diverse Ideen stehen im Raum.

Ein besonders vielversprechendes Projekt, das am 28. Februar 2011 auf Sendung geht, ist Joiz. Joiz soll als Crossmedia-Plattform für Jugendliche klassisches Fernsehen mit Online- und Mobile-Formaten verschmelzen. Ein Platz im analogen Kabelnetz der Cablecom ist dem Jugendsender auf sicher und bereits der Senderaufbau läuft unter Einbezug der Öffentlichkeit sehr vielversprechend. Ich bin gespannt und wünsche gutes Gelingen.

Wo immer die Fernsehreise auch hingeht, die Mondlandung haben «wir» auf Nachbars Schwarz/Weiss-Glotze geschaut, den ersten Menschen auf dem Mars werden wir anders erleben…

Die Chancen stehen gut, dass das Fernsehen bald nicht mehr nur die URL zur Webpräsenz der Sendung einblendet, sondern man immer auch einen Hinweis zum entsprechenden Hashtag der Sendung findet: #marslandung

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